Wie gelingt Partizipation im Wohnungsbau?

19. Juni 2018


Mieter, Anwohner und andere Betroffene wollen bei Bauvorhaben Einfluss nehmen

In Deutschland fehlen bezahlbare Wohnungen, besonders in beliebten städtischen Lagen. Doch der Preis für mehr Wohnraum ist eine weitere Verdichtung – und dagegen setzen sich Anwohner immer häufiger zur Wehr. Ein neuer Sammelband des GdW zeigt beispielhaft, dass eine gut durchdachte und individuell abgestimmte Beteiligung der Betroffenen Konflikte entschärfen kann.

Da will ein privates Wohnungsunternehmen die Außenanlagen einer Wohnanlage neu gestalten lassen, eine Genossenschaft geht die Modernisierung des Bestandes an oder ein kommunales Wohnungsunternehmen plant, ein Quartier neu zu bebauen. Vermeintlich Verbesserungen, doch sie müssen befürchten, dass die Anwohner gegen die Pläne protestieren werden. Denn Wohnungsunternehmen machen zunehmend die Erfahrung, dass Bürgerinnen und Bürger bei Veränderungen in ihrem Umfeld vehement ein Recht auf Beteiligung einfordern.

Ist das ein Zeichen für ein gestiegenes Selbstbewusstsein oder drückt sich darin nur ein zunehmender gesellschaftlicher Egoismus privilegierter Gruppen aus?

Im Ergebnis ist das gar nicht so wichtig, findet Prof. Dr. Harald Welzer, Direktor der Futurzwei.Stiftung Zukunftsfähigkeit in seinem Vorwort zur 156. GdW Information „Partizipation im Wohnungsbau“. Er verweist auf das Theorem des Sozialpsychologen William Thomas: „Wenn Menschen Situationen als real interpretieren, das sind diese real – in ihren Folgen“.

Das bedeutet einerseits: Solange die Anwohner davon überzeugt sind, das die Entscheidungen zu ihrem Nachteil sind, werden sie mit Protest reagieren. Und die Planer werden gezwungen sein, sich mit ihrem Widerstand auseinanderzusetzen. Es bedeutet andererseits aber auch: Es ist eine Frage der Perspektive, ob sich Planungen für Bürger und Bürgerinnen positiv oder negativ auswirken. Ein Beispiel: Als in Chicago 1920 Sozialreformer Slums durch bessere Quartiere ersetzen ließen, zerstörten sie damit gewachsene Sozialstrukturen. Die neuen Unterkünfte waren zwar komfortabler und hygienischer – verwahrlosten aber schnell, weil eingespielte Nachbarschaftsnetze der gegenseitigen Unterstützung in den neuen Bauten nicht mehr funktionierten.

Es macht also Sinn, die Betroffenen nach ihrer Sicht zu fragen und ihre Erfahrungen und Anregungen aufzunehmen. Aber sollten sie möglichst früh und umfassend einbezogen werden? Oder sollte sie erst dann die Gelegenheit zur Partizipation bekommen, nachdem grundsätzliche Fragen geklärt sind?

Ob Partizipation ein Erfolg wird, hängt von vielen Bedingungen hat, wie der Sammelband des GdW zeigt. So beteiligt sich der Altonaer Spar- und Bauverein ALTOBA anfangs eher widerwillig an einem Modellvorhaben, bei dem die künftigen Nutzer bereits bei der Konzeption der Grundrisse einbezogen werden müssen. Die Ergebnisse des gemeinsamen Planungsmeetings sind dann aber so richtungsweisend und überzeugend, dass die Genossenschaft sie als eine Art Marktforschung betrachtet und bei künftigen Bauplanungen entsprechend mitberücksichtigen will. Darüber hinaus legt das gemeinsame Engagement den Grundstein für einen guten Kontakt unter den Mietern.

Die Düsseldorfer Bau- und Spargenossenschaft DüBS macht dagegen die Erfahrung, dass eine Einbeziehung noch vor der Entscheidungsfindung Mitglieder eher überfordert und beunruhigt. „Zu unterschiedlich sind die Meinungen, zu konkret die Fragen, die sich in einem frühen Stadium noch nicht beantworten lassen“, so das Resümee von Vorstand Niels Klein. Auch würden manche Teilnehmer zu sehr das Wohl des Einzelnen und zu wenig die Zukunftssicherung des Ganzen in den Blick nehmen. Mehr Akzeptanz erreicht die DüBS bei einem anderen Bauvorhaben, bei dem die Mitglieder erst in einer späteren Phase und mit konkreten Fragestellungen in die Planungen miteinbezogen werden.

Besonders wichtig für eine gelungene Kommunikation mit den Betroffenen: Eine professionelle Vorbereitung und die persönliche Ansprache. „Hoher Personalaufwand und starke Präsenz vor Ort tragen erheblich dazu bei, dass Mieter sich wertgeschätzt fühlen und ein konstruktiver Austausch entsteht. Viel Fachkompetenz vor Ort und die Beantwortung von Fragen live und direkt verringern Misstrauen und Kritik gegenüber den Baumaßnahmen spürbar“ so das Fazit Berliner HOWOGE Wohnungsgesellschaft. Andererseits sind die Kosten für solche Informations- und Kommunikationsveranstaltungen hoch, aber es werden nicht unbedingt mehr Mieter erreicht, als bei der klassischen Präsentation von Bauvorhaben.

Die Betroffenen bei den Planungen miteinzubeziehen kann für Wohnungsunternehmen viele Vorteile haben, zum Beispiel neue Erkenntnisse über die Wünsche der Mitglieder und Kunden, mehr Akzeptanz für geplante Projekte, mehr Zufriedenheit, ein gutes Image und weniger Fluktuation. In welchem Umfang die Betroffenen bei den Projekten mit einbezogen werden, mag unterschiedlich sein, doch grundsätzlich gilt, wie DüBS-Vorstand Niels Klein feststellt: „Die Kommunikation spielt bei der Partizipation eine entscheidende Rolle.“