Digitales Werkzeug für gute Nachbarschaft

08. November 2018

Digitales Werkzeug für gute Nachbarschaft

Viele Menschen wünschen sich eine gute Nachbarschaft, wissen aber häufig nicht, wie sie am besten Kontakt aufnehmen sollen.  Der Unternehmer Christian Vollmann entwickelte in dieser Situation eine App, um sich in seiner Umgebung zu vernetzen. Das funktionierte so gut, dass er 2015 nebenan.de gründete. Inzwischen nutzen mehr als eine Million Menschen in Deutschland diese Plattform. Warum eine Zusammenarbeit mit nebenan.de auch für Projektentwickler, Quartiersmanager und Immobilienverwalter interessant sein kann, erläutert Christian Vollmann im Interview.


Über die neben.an-App finden sich
Nachbarn, um sich zu helfen oder zu treffen

 

Herr Vollmann, Deutschlandweit gibt es inzwischen mehr als 7.500 nebenan.de-Nachbarschaften mit eine Million Nutzern – wie gut wird die Plattform im Norden angenommen?

Vollmann: Der Anteil richtet sich eigentlich überall nach der Größe der Stadt. Wir haben deshalb auch mit Berlin angefangen. Inzwischen sind wir in 300 deutschen Städten vertreten, im Norden zum Beispiel mit 6.200 Nutzern in Kiel, mit 3.200 in Rostock, mit 1.500 in Flensburg und in Schwerin. In Hamburg, das auch schon sehr früh dabei war, sind inzwischen 71.000 Menschen auf unserer Plattform aktiv.

Was bietet nebenan.de seinen Nutzern?

Vollmann: Mit unserer digitalen Plattform haben wir ein Werkzeug geschaffen, das den Kontakt zu den Nachbarn erleichtert. Nach der Anmeldung kann man sozusagen sein Anliegen in die Nachbarschaft hineinrufen: Wer kann mir eine Bohrmaschine leihen, wer kennt einen guten Klempner, wer hat Lust auf eine Runde Skat oder einen Nachbarschaftsstammtisch. Weil sich nur die Leute melden, die auch Kontakt haben möchten, kommt man nie in die Verlegenheit, dass es dem Nachbarn gerade nicht passt, er nichts verleihen mag oder sich einfach nicht vernetzen möchte. Wenn man, wie auf nebenan.de verabredet, später an einer realen Tür klingelt, wird man schon erwartet.

Sie möchten nun auch verstärkt Projektentwickler und Immobilienverwalter ansprechen. Was bietet nebenan.de der Wohnungswirtschaft?

Vollmann: Wir bauen keine Softwarelösungen für die Wohnungswirtschaft, mit der etwa Dokumente verwaltet werden können oder die die Kommunikation mit den Mietern abgedeckt wird. Aber wir sind ein guter Ansprechpartner für diejenigen, die verstanden haben, dass eine gute, funktionierende Nachbarschaft Teil der Lebensqualität ist, die ein Quartier oder ein Haus bietet. Studien zeigen zum Beispiel, dass Menschen, die im guten Austausch mit den Nachbarn stehen, weniger Gesundheitsrisiken wie Depressionen, Herzinfarkt oder Schlaganfall haben. Eine gut vernetzte Nachbarschaft schützt vor Einbrüchen, Diebstahl und Vandalismus und kann helfen, Familien und Senioren den Alltag zu erleichtern. Nebenan.de ist eine Möglichkeit, gute Nachbarschaft zu fördern, deshalb macht es Quartiere und Immobilien attraktiver.

Wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus?

Vollmann: Wenn es vor Ort noch keine nebenan.de-Nachbarschaft gibt, können wir der Wohnungswirtschaft anbieten, eine zu eröffnen und in Gang zu bringen. Wenn schon solche Nachbarschaften existieren, können wir der Immobilienwirtschaft eine Möglichkeit bieten, darüber mit den Mietern in den Dialog zu kommen. Deren Privatsphäre bleibt gewahrt, weil die Wohnungswirtschaft nicht mitlesen kann, was die Nachbarn untereinander posten.

Planen Sie für die Zukunft noch weitere Angebote?

Vollmann: Perspektivisch denken wir darüber nach, vielleicht eine Art Stimmungsbarometer zu kreieren. Das bedeutet, dass wir in einer absolut datenschutzkonformen Art die Daten anonymisiert zusammenführen würden, um Aussagen darüber zu treffen, welche Themen –Verkehrslärm, Mieten und so weiter – in den verschiedenen Nachbarschaften eine größere Rolle spielen.

Für die Privatnutzer ist nebenan.de gratis. Womit wollen Sie Geld verdienen?

Vollmann: Zunächst haben wir vor zwei Monaten angefangen, unsere Nutzer um einen freiwilligen Förderbeitrag ab einem Euro zu bitten. Bisher findet eine vierstellige Zahl davon unser Angebot so gut, dass sie Förderer geworden sind. Diese Unterstützung wird auch in Zukunft freiwillig bleiben, aber wir setzen auf drei weitere Einnahmequellen. Unsere zweite Säule starten wir ab Ende November. Wir werden vorwiegend dem inhabergeführten lokalen Gewerbe – etwa Gastronomen, Einzelhändlern, Friseuren, Yogastudios, Handwerkern, Freiberuflichen und so weiter – ein eigenes Profil anbieten. Sie können sich damit in ihrer Nachbarschaft darstellen und dort Angebote machen aber nicht die privaten Posts der Nachbarschaft mitlesen.

Und weitere Einnahmequellen?

Vollmann: Drittens wollen wir Städten und Gemeinden kostenpflichtige Angebote mit Lösungen für kommunale Akteure machen. Die vierte Säule sind die Angebote an die Immobilienwirtschaft, für Neubauprojekte und für den Bestand.

Ein Pilotprojekt für Neubaugebiete hat nebenan.de bereits mit dem Rousseau Park bei Berlin gestartet. Wie waren die Erfahrungen?

Vollmann: Wenn ganze Quartiere entstehen, lohnt es sich besonders, nebenan.de von Anfang an mitzudenken und  die Plattform möglichst bereits bei der Vertragsunterzeichnung anzubieten. So lernen sich die künftigen Nachbarn schon vor dem Einzug kennen, können Anschaffungen gemeinsam planen, sich über Baufortschritte oder Probleme austauschen oder Fahrgemeinschaften für die Kinder planen.

Wie viele Bauherren vom Rosseau Park haben sich angemeldet?

Vollmann: 85 Prozent der Nachbarn sind dabei. Bei Facebook oder WhatsApp hätte die Hälfte davon nach eigenen Aussagen übrigens nicht mitgemacht, unter anderem aus Datenschutzgründen. Da hatten wir als deutsches Unternehmen, das hier Steuern zahlt und sich an die deutschen Datenschutzregeln hält, einen besseren Stand.

Aber ansonsten könnte sich so ein Ort doch auch genauso gut über Facebook vernetzen, oder?

Vollmann: Neben dem Datenschutz gibt es bei uns weitere Vorteile: Auf nebenan.de muss sich jeder Anwohner mit seiner Adresse verifizieren, sodass in den Gruppen auch wirklich nur reale Nachbarn zu finden sind. Was gepostet wird, kann auch nur innerhalb dieser Nachbarschaft gelesen werden und taucht nirgendwo anders auf.

Und wenn Konflikte auftreten?

Vollmann: Auch bei uns gibt es Missverständnisse oder eine Diskussion wird mal lebhafter. Schließlich treffen bei nebenan.de ganz unterschiedliche Menschen aufeinander, junge und ältere, auch Nutzer aus verschiedenen Schichten, genauso wie in der realen Nachbarschaft. Es gibt keine Filterblase, in der man immer nur die eigene Meinung bestätigt bekommt. Aber wenn Konflikte auftreten, sehen wir immer wieder, dass die bei uns nicht weiter angeheizt werden. Man erinnert sich daran, dass man auf dieser Plattform ist, um eine gute Nachbarschaft zu pflegen und bemüht sich, die Auseinandersetzung zu deeskalieren. Dazu kommt, dass sich die Nutzer mit ihrem Klarnamen anmelden und dem Nachbarn jederzeit auf der Straße wieder begegnen könnten. Das sorgt sicher auch dafür, dass der Umgang respektvoll bleibt.