Baukosten senken: Mehr Ziele statt Normen?

08. Oktober 2018

Baukosten senken: Mehr Ziele statt Normen?

Um 30 Prozent sind in Deutschland die Baukosten in den vergangenen zehn Jahren gestiegen. In den Niederlanden waren es im gleichen Zeitraum nur sechs Prozent. Den Hauptgrund sieht das Institut der Deutschen Wirtschaft DW darin, dass das Nachbarland seine Bauordnung um ein Drittel entschlackt hat und nun eher auf Ziele als auf konkrete Vorgaben setzt. Ist weniger Perfektionismus die Lösung?


Von der Höhe der Treppenstufe bis zur Dämmung -
in Deutschland gibt es viele Baunormen

Nach einer Befragung des Branchenverbands der deutschen Wohnungswirtschaft GdW haben behördliche Bauauflagen den größten Einfluss auf Neubauvorhaben ihrer Mitglieder. Mit 76 Prozent sahen 213 Mitgliedsunternehmen darin das größte Hemmnis für Neubauvorhaben.

Die Angaben des Statistischen Bundesamts bestätigen diese Einschätzung: die allgemeinen Baukosten – Material, Löhne und Bauland – sind in den vergangenen Jahren kaum stärker gestiegen als die Lebenshaltungskosten. Zu den Preissteigerungen am Bau führen insbesondere die wachsenden Anforderungen beim Klimaschutz, Brandschutz, Schallschutz und bei der Barrierefreiheit. Einige Beispiele: Ein barrierefreies Geschoss erhöht die Baukosten zum Beispiel um bis zu 11,5 Prozent, ein höherer Schallschutz um bis zu 6 Prozent, berichtet die Deutsche Bauzeitschrift. Die IW-Forscher Pekka Sagner und Michael Voigtländer rechnen vor,  dass allein beim Klimaschutz die Baupreise aufgrund  immer neuer Gesetze und Verordnungen in 17 Jahren um 19 Prozent gestiegen sind. Und sie geben zu Bedenken: „Neben der reinen Preissteigerung aufgrund der gestiegenen Komplexität der Bauweise verhindern die zeitlich eng aufeinanderfolgenden Neuerungen auch, dass Bauunternehmen von Skaleneffekten profitieren können.“

Doch dass die Niederlande es schneller geschafft hat, mehr Wohnraum zu bezahlbaren Preisen fertig zu stellen, ist nicht allein auf die schlankere Bauordnung zurückzuführen. Im Nachbarland lebt man auch bescheidener, im Schnitt auf weniger Quadratmetern als in Deutschland. Auch die Maklerprovisionen und Notargebühren sind niedriger, Neubauten von der Grunderwerbssteuer befreit.

Ab dem kommenden Jahr können Bauprojekte in den Niederlanden noch schneller realisiert werden, wie der niederländische Marktforscher Han Joosten in der Welt erläuterte. Denn dann müssen nicht mehr Bebauungsplänen erfüllt werden, sondern die Projektentwickler können starten, sobald sie sich mit Bürgern und Umweltvertretern auf die Ziele der Bebauung geeinigt haben. Über Einzelheiten wie die Gebäudehöhe, die Anzahl der Parkplätze oder den Lärmschutz wird später verhandelt – allerdings ohne die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen.

Eine Vorgehensweise, die in Deutschland kaum vorstellbar erscheint, schon deshalb, weil die Zuständigkeiten hier teilweise beim Bund, teilweise bei den Ländern und Kommunen liegen. So hatte die Baukostensenkungskommission 2015 zwar unter anderem gefordert, Bauordnungen zu harmonisieren, Standards im Bauwesen auf den Prüfstand zu stellen, Stellplatzverordnungen flexibler ausgestalten und die Vorgaben zur Energieeinsparung neu zu konzipieren. Auf eine Kleine Anfrage von Abgeordneten, in wie weit die Vorschläge inzwischen umgesetzt wurden, musste die Bundesregierung allerdings 2018 zugeben: „Einige Handlungsempfehlungen (der Baukostensenkungskommission) haben allgemeinen und eher appellativen Charakter, andere sind mit konkreten Maßnahmen unterlegt. Für einen Ausschnitt der Empfehlungen besitzt der Bund unmittelbare Handlungskompetenz. Viele Empfehlungen liegen jedoch im Einflussbereich anderer Akteure. Eine Datengrundlage, um Effekte der bereits erfolgten Umsetzungen einzelner Empfehlungen zu evaluieren, liegt dem Bund in Folge dessen nicht vor.“